Kirchspiel St. Matthias.
Geschichte. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts gehörte das Gebiet des Kirchspiels Matthias (estn. Madise) zum Kirchspiel Keykel (Kegel). Das Gründungsjahr des Kirchspiels St. Matthias und das Erbauungsjahr der ersten Kirche ist unbekannt. Die jetzige steinerne Kirche stammt aus dem Jahre 1764. Die Predigerreiche beginnt im Jahre 1596. Das Pastorat ist offenbar vom Gute Padis, einem ehemaligen Zisterzienskloster, fundiert worden, dem das Patronatsrecht zusteht.
In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderst entstand in den Grenzen des Kirchspiels das Hakelwerk Baltischport, ursprünglich Rogerwiek, das 1783 zur Stadt erhoben wurde und vorübergehend (1783–1796) Kreisstadt gewesen ist. Baltischport wurde von Anfang an vom Pastor zu St. Matthias bedient. Im Jahre 1842 wurde in Baltischport eine steinerne Filialkirche von St. Matthias erbaut. Im Jahre 1874 beschloß die Stadt einen eigenen Pastor anzustellen, und im März 1874 wurde das neukonstituirte Kirchspiel Baltischport vom Minister des Innern bestätigt.
Seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts, jedenfalls schon im Jahre 1622 war auch das Kirchspiel Kreuz mit St. Matthias vereinigt und waren von 1638–1710 für die Bedienung von Kreuz eigene Diakone angestellt. Seit 1710 wurden St. Matthias und Kreuz wieder von einem gemeinsamen Pastor bedient. Im Jahre 1689 beschloß der Kirchenkonvent die trennung der Kirchspiele und die Konstituierung einer eigenen Pfarre Kreuz, die am 24. September 1870 vom Minister des Innern bestätigt wurde. Dabei wurde auch die bisher zu St. Matthias gehörig gewesene Filialkirche auf der von Schweden bewohnten Insel Klein-Rogö mit Kreuz vereinigt.
St. Matthias hat einen Kirchenkonvent.
Seit 1866 sind im Kirchspiel folgende Prediger angestellt gewesen: Nikolai Friedrich Hermann Spindler 1857–1878; Paul Ottokar Theodor Hirsch 1879–1902; Alexander Siegfried 1904–1907; Johannes Brasche seit 1908.
Bestand. Das Kirchspiel St. Matthias zählt 2800 Eingesparrte; davon sind 44 Deutsche und etwa 2756 Esten. Im Jahre 1907/8 betrug die Zahl der Konfirmierten 54.
Im Kirchspiel sind eingesparrt: die Rittergüter Habbinem, Leetz, Padis ohne die Inseln Groß- und Klein-Rogö, Pallas, Pöllküll und Wassalem, Teile der Rittergüter Kegel, Lodensee und Merremois und das Pastorat St. Matthias, im Ganzen 92,32 Haken, worin allerdings die Inseln Rogö mit veranschlagt sind.
Kirche und Bethaus. Die Kirche zu St. Matthias ist ein Steinbau und enthält 360 Sitzplätze. Auf 1½ Werst von der Kirche befindet sich ein Bethaus.
Pastor. St. Matthias ist Patronatspfarre; das Patronat steht dem Eigentümer des Gutes Padis zu; der Kirchenkonvent wählt einen der ihm vom Patron präsentierten Kandidaten, der dann vom Konsistorium introduziert wird.
Gepredigt wird vom Pastor ständig in der Kirchspiels-Kirche in estnischer Sprache, deutsch nur an hohen Festtagen. Regelmäßige estnische Lesegottesdienste finden im Bethaus statt.
Der Pastor bezieht: an abgelösten Naturalien 70 Rbl., an Holzgeld 116 Rbl. 44 Kop., aus den Zinsen zweier Legate 433 Rbl. 20 Kop., von der Unterstützungs-Kasse 100 Rbl., aus der Pfarrevermehrungs-Kasse 340 Rbl. und vom Kirchspiel an Naturalien 3145/64 Tt. Roggen, 2 Tt. Gerste, 153½ Pud Heu, 19½ Faden Holz und 262 Arbeitstage. Das Pastorat ist auf 1,86 Haken eingeschätzt. Das Hofsland beträgt 143,3 Dessj. (davon Garten 0,5 Dessj., Acker 21,3 Dessj., Wiese 82 Dessj., Weide 6,3 Dessj., Impedimente 5,7 Dessj., Moosmorast 27,5 Dessj.). Das Bauerland ist 96 Dessj. groß und gibt einenPachtertrag von 269 Rbl. 20 Kop. Die Akzidenzien sind folgendermaßen normiert: Taufe 3 Kop., Konfirmation 1 Loof Hafer, 1 Huhn und etwas Holz, Verlobung vom Bräutigam 1 L. Hafer und 1 Huhn, von der Braut dasselbe, 1 Paar Strümpfe und 1 Gurt, Trauung 6 Kop., Beerdigung 4½–25½ Kop., Abendmahl ½ Kop.
Küster. Das Einkommen des Küsters beläuft sich in Geld und Naturalien auf 230 Rbl.
Schulen. Das Kirchspiel besitzt keine Parochialschule. Gemeindeschulen bestehen unter Wassalem, Padis, Habbinem, Pöllküll, Merremois und Leetz.
Wohltätigkeitsanstalten. Das Kirchspiel hat eine Prediger- Witwen- und Waisenkasse.